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Musik an?
Beginne!

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Das Armband schlug um 6:47 Uhr Alarm. Nicht meins. Das von dem Mann drei Reihen vor mir in der Arbeitshalle — grauer Overall, Rücken zu mir. Ich sah es an der Art wie seine Schultern sich versteiften eine Sekunde bevor das rote Licht aufleuchtete. Sein Körper wusste es vor dem Gerät. Körper wissen es immer zuerst. Zwei Aufseher kamen sofort. Der Mann verschwand durch eine Seitentür. Er kam nicht zurück. Das taten sie meistens nicht.
Mein eigenes Armband war still. Das war selten. Der Schmerz des Mannes saß in meiner Brust wie ein Stein. Die Angst der Frau neben mir kribbelte in meinen Fingern. Der erschöpfte Hass des alten Mannes am Ende der Reihe lag auf meiner Zunge wie Metall. Und dann begannen auch ihre Armbänder zu leuchten. Panik stieg in ihnen auf und sie wurden ebenfalls abtransportiert. Ich hatte gelernt still zu sitzen wenn ich das alles spürte. Kein Zucken. Kein Atemzug zu viel. Das Armband maß Herzschlag, Körpertemperatur, Hautleitfähigkeit. Denn ich spürte all die Gefühle der Menschen, nicht meine, sondern ihre. Aber das glaubt mir keiner. Aber beginnen wir von vorne. Die Menschheit hatte sich 2102 selbst fast zerstört. Nicht durch Krieg oder Klimakatastrophe...durch sich selbst. Durch unkontrollierte Emotionen, die sich aufgeschaukelt hatten über Jahrzehnte bis die Städte brannten und niemand mehr wusste warum. Die Regierung kam vor 37 Jahren mit der Lösung: das Armband. Pflicht für jeden ab Geburt. Es misst, reguliert, bestraft. Zu viel Emotion — ein Elektro-Schock. Zu viel Schmerz — Einzelhaft. Zu viel Wut — Umerziehungslager. Die Gesellschaft wurde ruhig.
Ich war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte mein ganzes Leben Strafen bekommen für Gefühle, die nicht meine waren. Als Baby bekam ich über das Armband Elektroschocks, weil meine Mutter beim Stillen weinte, weil sie unsicher war.
Als Kleinkind Schocks mitten in der Nacht, weil die Nachbarin eine Wand weiter weinte. Als 4 jährige war ich das erste Mal im Umerziehungslager, weil ich die Wut eines Bankmitarbeites gespiegelt habe, der gerade gekündigt wurde. "Mira, kannst du dich nicht einmal zusammenreißen?", dröhnte mir täglich meine Mutter entgegen. Mit zwölf kam die erste Einzelhaft. Sieben Tage weißes Zimmer kein Fenster kein Kontakt. Die Ärztin danach schaute auf ihre Daten und sagte ohne mich anzuschauen: emotional instabil. Höchste Risikoklasse. Ich sagte nichts. Wie hätte ich ihr erklärt, dass ich an jenem Tag die Trauer von dreihundert Menschen gleichzeitig getragen hatte, nachdem ein Attentst auf die Regierung versucht wurde. Wie hätte ich ihr erklärt dass ich nicht wusste, wo ich aufhörte und die anderen anfingen. Sie hätte es nicht verstanden. Niemand verstand es. Also lernte ich das Einzige das man lernen kann wenn die Welt nicht versteht was man ist: ich lernte kleiner zu werden. Stiller. Ich lernte warten...und ich wartete dreiundzwanzig Jahre. Ich hasste diese Regierung und diese verschissenen Armbänder so so sehr. Jedes mal jubelte etwas in mir auf, wenn ich hörte, dass es neue Aufstände gab. Zu enttäuscht war ich über das Versagen der Regierung. Mittwochs ist immer Versammlungstag, an dem alle Bürger der Stadt zusammengerufen werden. Anwesenheitspflicht, welche Strafen bei Abwesenheit warten möchtest du nicht wissen. Eine riesige Freiluft Arena, zig tausende von Menschen.
Die Eingänge werden streng kontrolliert. Ich stand an der Eingangskontrolle, als es passierte. Das Armband eines kleinen Kindes fing an Alarm zu schlagen. Wachen kommen und reißen der Mutter das Kind aus den Armen. Die Mutter bricht in Panik aus und schreit um sich, auch ihr Armband fängt zeitgleich mit dem Alarm an. Mutter und Kind versuchen sich fest zu halten, werden aber auseinander gezogen und getrennt weggebracht.
Diese Szene verschlägt mir den Atem, darauf war ich nicht vorbereitet und all die Gefühle des Kindes und der Mutter schlagen mich fast bewusstlos. Mein Kopf dröhnt, alles dreht sich und in mir platzt es heraus. Mein Armband fängt an zu vibrieren und laut zu piepen. Ich merkte in meiner Benommenheit wie mich Arme grob packen und gewaltsam wegtragen. "Du kommst mit uns", sagten die Männer. Sie warfen mich in einen weißen Raum. Nicht das erste Mal. Weiße Räume kannte ich. Sie waren die Standardstrafe, die Standardantwort auf alles was das System nicht einordnen konnte. Sie ließen mich drei Stunden allein. Das war Technik...warten lassen, damit die Angst wächst, damit man redet wenn endlich jemand kommt nur um die Stille zu füllen. Ich kannte diese Technik. Ich hatte sie als Kind kennengelernt, als Jugendliche, als junge Frau. Sie funktionierte bei Menschen die Angst hatten. Ich hatte gelernt Angst sehr klein zu machen. Als die Tür aufging kamen zwei Menschen rein. Ein Mann in grauem Anzug den ich nicht kannte, und hinter ihm Doktor Vael. Die Frau die ich an meinem ersten Tag im Kern gesehen hatte. "Mira", sagte der Mann. "Weißt du warum du hier bist." "Weil mein Armband Alarm geschlagen hat." "Das ist das 2216te Mal" Er legte ein Blatt auf den Tisch zwischen uns.
Meine ganze Geschichte in Spalten und Reihen. "Das ist eine Anomalie!" Ich schaute auf das Blatt. Sagte nichts. "Die meisten Menschen in deiner Risikoklasse", sagte er, "kommen nicht bis dreiundzwanzig. Sie werden früher... behandelt." Das Wort behandelt hing im Raum wie Rauch. Es folgten 6 Tage Untersuchungen. Verschiedene Menschen mit verschiedenen Instrumenten und verschiedenen Fragen. Und manche waren eine körperliche Zerreißprobe.
Körperlich und seelisch schwer mitgenommen, betritt am 7. Tag Doktor Vael meine Zelle. "Die Tests sind abgeschlossen", sagte sie. "Du bist etwas das wir noch nicht kategorisiert haben. Ein Mensch der die emotionalen Zustände seiner Umgebung aufnimmt und spiegelt. Präziser als jedes Gerät das wir haben." Eine kurze Pause. "Das macht dich nützlich." "Was wollt ihr von mir", sagte ich. "Was du bereits tust. Aber für uns." Ihre Augen bewegten sich nicht. "Du liest Menschen. Wir brauchen jemanden der uns sagt wer lügt. Wer plant. Wer eine Bedrohung ist bevor er eine wird." Ich schaute sie an und nickte langsam. "Ich verstehe." Sie stand auf und ging. Mein Kopf überschlug sich: "...wenn ich also wie ein gesellschaftliches Baromenter wirke und sie das für sich nutzen wollen, bedeutet das....bedeutet das ich kann das auch GEGEN sie benutzen." Der Untergrundraum roch nach Essen und zu vielen Menschen auf zu engem Raum. Ich saß in der Ecke und versuchte zu atmen. Nach den Wochen im Kern... den Tests, den teilweise gewaltsamen Verhören, den Händen die mich angefasst hatten als wäre ich ein Objekt, das man auseinandernehmen und wieder zusammensetzen konnte ...war mein System so überreizt, dass selbst dieser Raum zu laut war. All die Gefühle der Menschen, die sich stapelten wie Schichten, eine über der anderen, bis ich nicht mehr wusste wo oben war. All diese unterschwelligen Gefühle...Erschöpfung. Angst. Hunger. Erleichterung. Wut....die zwar auf dem Armband orange anzeigen, aber noch nicht rot. Ich aß meinen Teller leer ohne zu schmecken was darauf war und schaute auf meine Hände. Ein Tisch weiter saß ein junger Mann. Neunzehn vielleicht, vielleicht jünger, schmales Gesicht, dunkle Augen die auf sein Essen schauten.
Der Typ Mensch den man in einem Raum nicht bemerkt....ich versuchte mich in ihn reinzufühlen, herauszufinden wer er ist. Aber von ihm kam nichts. Kein Schmerz, keine Erschöpfung, keine Angst. Nicht mal die basale emotionale Grundlautstärke, die jeder Mensch ausstrahlte ob er wollte oder nicht. Einfach — Stille. WTF, was ist denn das für einer? Ich schaute ihn an. Er schaute nicht zurück. Drei Tage lang beobachtete ich ihn, und immer dasselbe: Nichts. Am nächsten Tag setzte mich ihm gegenüber ohne zu fragen. Er schaute gelangweilt auf. "Du isst immer allein", sagte ich. "Du auch", sagte er unbeeindruckt. Ich lehnte mich leicht vor. "Die Menschen hier haben Angst. Alle. Du nichts. Einen scheiß fühlst du...warum?" Er zuckte mit den Schultern. Aß weiter. Ich versuchte es anders. "Ich habe gehört, dass drei Leute letzte Woche in den Kern gebracht wurden...und gefoltert wurden, weil sie Aufstände geplant haben. Allen dreien wurden die Zungen abgeschnitten, weil sie eh nicht reden wollten."
Nichts...kein Zucken...nicht mal ein beschleunigter Herzschlag den ich hätte spüren können. Rein gar nichts. Ich schaute ihn direkt an. "Was ist los mit dir? Bist du tot?" Er hörte auf zu kauen. Lange Stille. Dann schaute er auf — zum ersten Mal wirklich, diese dunklen Augen, die ruhiger waren als die Augen eines Neunzehnjährigen sein sollten. "Du spürst also Emotionen", sagte er. Keine Frage. "Ja." "Und bei mir spürst du nichts." "Nichts." Er nickte langsam. Als wäre das eine Information die er bereits hatte und die jetzt bestätigt wurde. "Weißt du warum?" Ich schüttelte den Kopf. Er schaute kurz zur Tür. Dann zurück zu mir. Seine Stimme wurde nicht leiser...das wäre aufgefallen...aber sie wurde flacher. Weniger Modulation und somit weniger angreifbar. "Weil ich weiß, was in den nächsten Wochen passieren wird", sagte er. "Und wenn man weiß was kommt, dann gibt es nichts mehr wovor man Angst haben muss." Ich schaute ihn an. "Wir sind nicht allein hier", sagte er. "...und du würdest gut zu uns passen mit deiner Gabe." "Wir?" "Ich heiße Neo. Wir sind viele Widerständler.", sagte er. "Überall verteilt. Im Kern, in den Arbeitshallen, in den Außenbezirken. Aber wir haben ein Problem." Ich wartete. "Wir wissen nicht zu 100%, wer zu uns gehört und wer nicht." Seine Augen ruhten auf mir. "Wir können es nicht fühlen. Wir können nur beobachten, abwägen, hoffen dass wir richtig liegen. Das dauert ewig...und ist nicht zuverlässig." Eine kurze Pause. "Du weißt es." Die Stille zwischen uns war anders als vorher. Voller. "Wir planen etwas", sagte er. "Erst eine Flucht von hier und dann tiefer in den Kern, um die Regierung zu stürzen." Er lehnte sich minimal vor. "Dafür brauchen wir jemanden der durch Menschen hindurchsehen kann, der die Gruppen fühlt, Vorhersagungen dadurch treffen kann. Der uns sagt wer wirklich auf unserer Seite steht, bevor wir ihnen vertrauen." Ich schaute ihn an. Dreiundzwanzig Jahre hatte man mich dafür bestraft was ich war. Jetzt saß jemand vor mir, der es brauchte. Der ganze Staat brauchte es. "Wann fangen wir an? Ich will diese Regierung brennen sehen.", sagte ich ruhig ubd monotan, genau wie Neo es tat. Neo lehnte sich zurück. Und zum ersten Mal, ganz kurz, kaum sichtbar, spürte ich etwas von ihm. Erleichterung.
Jetzt bist du genau im richtigen Vibe!
Dann lass uns jetzt richtig tief in den Reflektor eintauchen.
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