Musik an?
Beginne!
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Meine Mutter lächelte, als wir vor der Schule parkten.
Sie lächelte so wie sie in den letzten drei Monaten immer lächelte... mit dem Mund, mit den Augen, mit allem was man sehen konnte. Und ich hörte gleichzeitig, aus einem Ort der nicht ihr Mund war, "Ich hoffe dass ich nicht alles kaputt gemacht habe. Ich hoffe dass sie mir irgendwann verzeiht."
Ich schaute sie an. "Was hast du gesagt?"
Sie blinzelte. "Ich hab gesagt: viel Spaß, Schatz."
Ich öffnete die Autotür und stieg aus ohne zu antworten.
Das war neu. Das mit den Stimmen war neu. Nicht die Stimmen selbst, die waren schon länger da, leise und unscharf wie ein Radio das zwischen zwei Sendern hängt.
Aber seit dem Abend als mein Vater seine Koffer packte und meine Mutter in der Küche stand und sagte es wird alles gut, alles wird gut, während sie innerlich schrie — seit diesem Abend waren die Stimmen laut geworden. Unüberhörbar.
Ich stand auf dem Gehweg vor der Danville Community High School, und schaute auf das Gebäude. Ziegelstein, drei Stockwerke, eine amerikanische Flagge die schlaff im windstillen Novembermorgen hing. Irgendwo da drin waren dreihundert Menschen die ich nicht kannte und die mich nicht kannten, und ich wusste bereits, mit einer Sicherheit die sich anfühlte wie ein Stein im Magen, dass das ein Problem werden würde.
Ich zock den Reißverschluss von meinem Kapuzenpulli bis ganz nach oben und verkroch mich innerlich in meinem Pulli.
Wie gerne ich jetzt meine neuen knallorangenen Kopfhörer auf hätte. Einfach abtauchen und Smokie hören.
Ich lief den Flur entlag bis zum Klassenzimmer.
Der Klassenraum roch nach Kreide und altem Papier und dem billigen Deo von zwanzig Zwölftklässlern die zu früh aufgestanden waren. Ich blieb einen Moment in der Tür stehen, nicht weil ich zögerte, sondern weil es mich traf wie eine Wand. Diese Stimmem. Nicht die Stimmen die aus Mündern kamen, die waren gedämpft, gelangweilt, das übliche Gemurmel einer Klasse vor Unterrichtsbeginn. Sondern die anderen.
"Die hat ja ne komische Jacke..."
"Hoffentlich fragt mich James , ob ich mit ihm zum Sommerball gehe."
"Wie erzähle ich meinen Eltern nur, dass meine Periode seit 3 Wochen überfällig ist."
"Wirklich unauffeällig die Tee-Kanne,da merkt niemand, dass da Wodka drin ist."
Ich presste die Zähne zusammen und trat ein.
Mr. Hooper stand vorne an der Tafel, ein mittelgroßer Mann mit einem Schnurrbart der aussah, als hätte er aufgehört sich Mühe zu geben. Er schaute auf sein Klemmbrett, fand meinen Namen, und sagte: "Wir haben heute eine neue Schülerin. Maya..." eine kurze Pause, "...Kowalczyk?"
Er sprach es aus wie jemand der zum ersten Mal polnisch sieht und kapituliert.
"Koh-VAL-chik", sagte ich.
Jemand kicherte. Dann noch jemand. Dann war es dieser spezifische Moment in dem ein Klassenzimmer entschieden hat, was es von jemandem hält, und die Entscheidung war bereits gefallen bevor ich einen Schritt gemacht hatte.
Ich war die komische Neue.
Ich hörte sie. Nicht einzelne Gedanken, sondern eine Welle, ein kollektives Rauschen das sich anfühlte wie zu viele Fernsehgeräte in zu vielen Zimmern:
"Die ist so merkwürdig!"
"Sicher von der alten Schule geflogen...Freak."
"Nicht neben mich setzen, bitte nicht neben mich."
Ich ging durch die Reihen, nach ganz hinten links, und spürte die Blicke auf meinem Rücken wie kleine Nadeln. Ich setzte mich alleine in eine Reihe. Legte die Hände flach auf den Tisch...das half manchmal, der Kontakt mit etwas Festem, etwas das keine Gedanken hatte und keine zweite Stimme hinter der ersten. Tisch...Holz... Einfach nur Holz.
Ich atmete.
Mr. Hooper begann mit dem Unterricht.
Ich schaute aus dem Fenster und versuchte das Rauschen kleiner zu machen, leiser zu drehen wie einen Knopf der nicht richtig funktionierte. Es gelang mir nur so halbwegs.
Oh Gott, was ist, wenn ich wirklich verrückt bin?!
Die irre Neue, die alle schief angucken. Die nirgends dazu gehört. Danke Universum...danke.
In der Cafeteria war es noch schlimmer. Die Cafeteria ist der Ort wo soziale Ordnung sichtbar wird, splitternackt und ohne Entschuldigung. Wer wo sitzt. Wer wen anschaut. Wer so tut als würde er niemanden anschauen. Dein sozialer Status sichtbar für alle.
Ich stand mit meinem Tablett in der Tür und ließ meinen Blick durch den Raum gehen.
Hundert Menschen in einem Raum und ich hörte sie alle gleichzeitig. "Scheiße...was ist denn heute mit mir los?", denke ich während mein Kopf dröhnt. Eine Welle aus Hunger und Langeweile und Angst und Sehnsucht und dem ganz gewöhnlichen Elend des Sechzehnjährigsein die gegen meine Schläfen drückte.
Ich schluckte. Ging los.
Das Mädchen in der dritten Reihe saß allein — ein freier Platz neben ihr, ein Buch aufgeschlagen vor ihr, die Haare über das Gesicht gefallen. Sie schien niemanden zu brauchen. Sie schien in ihrer eigenen Welt zu sein. Ich ging auf sie zu, lächelte, und sagte: "Kann ich mich—"
Und hörte gleichzeitig, so klar als hätte sie es ins Mikrofon gesprochen: "Bitte nicht. Bitte setz dich nicht hier hin. Ich will allein sein."
Ich blieb mitten in der Bewegung stehen. Richtete mich wieder auf.
Das Mädchen schaute von ihrem Buch auf. "Was?"
"Ich — nichts. Sorry."
Sie runzelte die Stirn. "Du hast was gesagt."
"Nein. Ich hab mich geirrt. Entschuldigung."
Ich drehte mich um und ging. Hörte noch — gedämpft jetzt, aber nicht gedämpft genug — ihre Gedanken hinter mir: "Was zur Hölle. Die ist komisch. Hoffentlich kommt die nicht wieder."
Ich fand einen Platz am Rand, an einem Tisch der fast leer war, und setzte mich mit dem Rücken zur Wand. Ich schob das Essen auf meinem Tablett hin und her ohne davon zu essen und schaute auf den Tisch und dachte: dreihundert Tage bis zum Schuljahresende. Einen hab ich schon fast.
Ich war sechzehn Jahre alt und ich dachte ernsthaft darüber nach, ob es eine Möglichkeit gab nie wieder in eine Cafeteria gehen zu müssen.
Ein Lehrer im karieten Anzug lief an mir vorbei "Heute Nachmittag muss ich neue Kabelbinder kaufen. Immer wieder zerkauft er die...Waschmittel...die grüne Jacke ist dreckig."
Ich schüttel meinen Kopf, um diese Stimme in meinem Kopf los zu werden.
Ich mache die Augen wieder auf, und sehe ca. 2 Meter links von mir ein Mädchen mit großen blonden Locken und blauem Lidschatten. Sie stochert in ihrem Essen herum. "Was habe ich nur falsch gemacht, dass er sich nicht meldet? Bin ich so eine schlechte Küsserin?"
"Du hast nichts falsch gemacht.", sage ich in ruhiger Stimme zu ihr rüber. Das blonde Mädchen schaut mich an. Von oben bis unten, einmal, langsam. Dann: "Was?"
"Ich mein nur...was auch immer du denkst, dass du falsch gemacht hast. Hast du nicht."
"Was....was....was willst du von mir?! Kümmer dich um deinen eigenen Kram!", faucht das blonde Mädchen scharf zurück und wirft mir einen Todesblick zu.
"Dumme Pute, was glaub sie, wer sie ist?!", höre ich von ihr, ohne dass sie den Mund bewegt.
Ich haue mir mit der flachen Hand an die Stirn "Nur nicht durchdrehen jetzt Maya!", sage ich zu mir selbst, während ein Junge an mir vorbeiläuft und mir einen Vogel zeigt.
Heiße Tränen laufen mir plötzlich über die Wange. Was für eine blöde Schule, denke ich mürrisch, während ich schnell meine Tränen wegwische.
Ein Tablett landete neben mir mit einem Knall der mich zusammenzucken ließ.
Nicht vorsichtig abgestellt. Einfach fallen gelassen, mit dem Schwung von jemandem der sich keine Gedanken darüber macht, wie das wirkt oder was andere denken oder ob der Lärm stört. Das Tablett schlitterte ein Stück über den Tisch, die Gabel fiel runter und das Mädchen das sich daneben setzte bückte sich. Sie hob die Gabel auf, wischte sie an ihrer Jeans ab und sagte ohne aufzuschauen: "Mr. Hoopers Schnurrbart sieht aus wie ein verletztes Tier."
Ich blinzelte.
Sie schaute auf. Braune Augen, ein Gesicht das zu viele Sommersprossen hatte für November, Schuhe die nicht zusammenpassten. Der linke weiß, der rechte cremefarben, als hätte sie morgens in der Dunkelheit gegriffen und es später nicht mehr geändert. "Frankie", sagte sie. "Du bist die Neue."
"Maya."
"Koh-VAL-chik." Sie sprach es richtig aus. "Meine Oma ist aus Warschau. Ich kann auf polnisch sagen: hast du Hunger. Und auch: mein Pferd ist braun. Das ist alles was ich kann."
Ich wartete.
Wartete auf die zweite Stimme. Das was unter dem lag was sie sagte, dieses Rauschen, die dreckigen Geheimnisse.
Nichts.
Was Frankie sagte und was Frankie meinte waren dasselbe.
Nur ein Mädchen das über Mr. Hoopers Schnurrbart redete und es so meinte. "Ich bin mir unsicher welches Tier es ist. Ein angefahrener Dachs oder doch ein Frettchen."
Ich spürte wie meine Schultern sich senkten und mir ein Lächeln über die Lippen huscht.
"Eindeutig das Frettchen!", sagte ich.
"Die Cafeteria riecht nach altem Fett", sagte Frankie, während sie ihr Sandwich auswickelte. "Jeden Tag. Ich hab mal gefragt, ob sie die Frittierwanne reinigen und der Koch hat mich angeschaut als hätte ich ihn beleidigt." Sie biss ab. "Bist du aus Chicago?"
"Aus Bloomington."
"Ah." Sie nickte als wäre das eine bedeutungsvolle Information. "Warum Daneville?"
Ich zögerte einen Moment. "Meine Eltern haben sich getrennt." Frankie nickte. Aber nicht mit diesem geduckten Blick den Leute manchmal machten wenn man das sagte...diesem "Ach du armes Kind"- Blick. Sie nickte einfach, als hätte ich gesagt, wir sind wegen eines Jobs umgezogen oder wegen der Schule. Als wäre es einfach nur eine Information.
"Daneville ist langweilig", sagte sie, "aber nicht so langweilig wie alle tun. Erst letze Woche wurde ein Junge entführt."
"Bitte was?!", sage ich mit halb erstickter
Frankie biss noch einmal von ihrem Sandwich ab, vollkommen unbeeindruckt von ihrer eigenen Aussage, so als hätte sie gerade erzählt dass die Schulkantine dienstags schlechteren Pudding serviert als donnerstags. "Kevin Marsh. Fünfzehn. Wohnt zwei Straßen von mir. Seit letztem Donnerstag weg." Sie zuckte mit den Schultern. "Die Polizei sagt, er ist wahrscheinlich abgehauen. Seine Eltern sagen, das würde er nie tun."
Ich schaute sie an. "Und was denkst du?"
"Ich kenn Kevin seit der dritten Klasse." Sie schaute auf ihr Sandwich. "Der haut nicht ab. Aber niemand hat eine Spur. Alle sind schon verzweifelt."
Ich hörte auf zu atmen.
Neue Kabelbinder kaufen. Immer zerkaut er die. Die grüne Jacke ist dreckig.
"Hat Kevin eine grüne Jacke?"
Frankie hörte auf zu kauen. Schaute mich an. "Ja. Die trägt er immer. Warum?"
"Frankie." Meine Stimme klang merkwürdig ruhig. "Der Lehrer im karierten Anzug. Wer ist das?"
Frankie runzelte die Stirn. "Mr. Bellamy? Der Physiklehrer. Warum?"
Ich legte meine Gabel hin. "Bellamy. Ich hab gehört wie er gedacht hat, dass er neue Kabelbinder braucht. Weil die alten durchgekaut sind." Kurze Pause. "Und dass die grüne Jacke dreckig ist."
Frankie schaute mich an. Lange.
"Gedacht oder gesagt?"
"Gedacht."
Frankie nickte und zog mich am Ärmel. "Komm. Wir schleichen uns ran."
Wir drückten uns an die Wand neben Bellamys Bürotür.
Ich schloss die Augen. Hörte seine Gedanken: "Ich brauche ein besseres Versteck als den Schulkeller, irgendwann wird da mal einer ausversehen runterlatschen."
"Schulkeller", donnere ich Frankie entgegen.
Dann flitzten wir los.
Vier Treppen runter in den Keller. Nach fünf Räumen dachten wir schon wir wären auf einer falschen Spur doch dann, beim nächsten Raum...Vorhängeschloss, nur vorgesteckt.
Frankie riss es auf. Kevin, Rücken gegen die Wand, grüne dreckige Jacke, Kabelbinder um die Handgelenke (einer halb durchgekaut). Er kniff die Augen zusammen gegen das Licht.
"Man Leute ey...ich dachte schon es findet mich keiner!"
Frankie dreht sich wie ein Blitz zu mir um, zwinkert mir zu und sagt überschwinglich "Du bist der Wahnsinn Maya!"
Ich beiße mir grinsend auf die Unterlippe. Was ich mit dieser Superkraft wohl sonst noch machen kann?
Jetzt bist du genau im richtigen Vibe!
Dann lass uns jetzt richtig tief in den Projektor eintauchen.
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