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Musik an?
Beginne!

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Ashford, England. September 1347. Das Brot war noch warm als Will hereinkam. Er stampfte den Schlamm von seinen Stiefeln. Draußen hatte es geregnet, einer dieser schweren Herbstregen die nach nichts riechen. Er setzte sich auf seinen Platz in der Ecke. Sein Platz war sein Platz seit zwanzig Jahren. Ich stellte das Bier hin bevor er den Mund aufmachte. Er schaute auf den Krug, dann zu mir, dann wieder auf den Krug. "Ich hab noch gar nichts gesagt." "Du hast dieses Gesicht gemacht." "Was für ein Gesicht?" "Das Gesicht von jemandem der Bier will. Oder sollte ich sagen braucht?" Er lachte — dieses Lachen das von irgendwo tief in seinem Bauch kam, das Lachen eines Mannes der den ganzen Tag nichts zu lachen gehabt hatte. Ich mochte dieses Lachen. Ich mochte, dass es in meiner Taverne war und nirgendwo sonst.
Ich wischte die Hände an meiner Schürze ab. Das Mehl hatte sich in die Rillen meiner Knöchel gefressen wie es das immer tat um diese Zeit. Ich würde es heute Nacht beim Waschen wieder herausschrubben und morgen früh wieder haben. Das gehörte dazu. Das war halt meine Haut im Herbst. Meine Haare waren wieder rausgefallen. Ich schob die lockige rotblonde Strähne aus dem Gesicht mit dem Handrücken und bekam damit wahrscheinlich Mehl auf die Wange. Irgendwann hatte ich aufgehört darüber nachzudenken. Man hatte mir früher gesagt, ich solle sie ordentlicher tragen...meine Mutter, dann mein Vater, dann ein Mann den ich für kurze Zeit für bedeutsam gehalten hatte. Irgendwann war keiner mehr da, der es sagte. Die Taverne füllte sich wie sie es jeden Abend tat. Thomas der Gerber mit seinem Sohn. Die drei Männer vom Feld deren Namen ich kannte aber nie laut sagte, weil sie nie gefragt hatten ob ich es wusste. Die Witwe Agnes die nicht wegen dem Bier kam sie trank kaum, sondern weil hier jemand war der zuhörte. Ich hörte immer zu. Das war nicht Tugend. Das war einfach wie ich war. Dafür hatte ich schon immer einen sehr guten Stand im Dorf. Gegen Mitternacht setzte sich Agnes immer noch nicht in Bewegung. Ich setzte mich ihr gegenüber. Meine Füße brannten. Mein Rücken sagte mir Dinge, die ich nicht hören wollte. Aber Agnes faltete ihre Hände auf dem Tisch und ich sah in ihrem Gesicht etwas, das ich nicht ignorieren konnte. Agnes war schon immer eine Freundin der Familie. Ein Gespräch konnte ich ihr noch nie ausschlagen. Obwohl ich hundemüde war, setzte ich mich zu ihr. "Hast du von den Gerüchten gehört?", frage sie mich mit tiefen Sorgenfalten. Ihre grauen Haare, waren zu einem strengen Knoten geflochten.
"Ich nickte zarghaft." Die Gerüchte kamen zuerst durch die Händler. Ein Mann aus Bristol der bei mir übernachtete und sein Bier nicht anrührte — das hätte mich warnen sollen, Männer die ihr Bier nicht anrühren haben meistens etwas im Kopf das schwerer ist als der Krug. Er redete von London. Von Schiffen, die aus dem Süden kamen mit Waren und mit etwas anderem. Von einem Sterben das sich ausbreitete wie Wasser, das man nicht aufhalten konnte, weil man nicht wusste woher es kam. Agnes Augen wurden groß und glasig "Ann, ich habe fürchterliche Angst." Ich nahm behutsam ihre kalte Hand in meine warme. Dann starb die Frau des Schmieds. Dann die Familie im Haus am nördlichen Ende der Straße — die ganze Familie, Vater Mutter drei Kinder, innerhalb einer Woche. Dann Wills Frau. Will kam nicht mehr in die Taverne. I Dann die ganze Familie Berryman. Vater, die zwei Kinder und die Frau, die gerade im 4. Monat schwanger war. Dann der Sohn von Thomas dem Gerber.
Die Menschen packten ihre Sachen. Ich stand in der Tür und schaute zu wie Ashford sich leerte. Karren auf der Straße, Kinder die weinten, Männer die schweigend luden. Irgendwohin. Weg von hier. Als wäre Entfernung ein Schutz gegen etwas das bereits in der Luft hing. Meine Beine gingen nicht. Mein Körper stand in dieser Tür und es war einfach nicht möglich zu gehen. Da waren noch so viele Menschen. Ashford ist mein Leben. So viele Kranke. Alte. Die die niemanden hatten und nirgendwo hinzukonnten. Der schwarze Tod, so nannte man die Krankheit, war in England angekommen. In Ashford, meinem Zuhause. Ich konnte nicht gehen, also tat ich das, was ich am Besten kann. Die Taverne roch in diesen Wochen nicht mehr nach Bier. Sie roch nach Schweiß und Fieber und dem bitteren Kraut das die Hebamme mitbrachte und überall hinstellte weil sie glaubte es helfe. Es half wahrscheinlich nicht. Aber es roch nach Handlung, nach dem Versuch, und das war manchmal wichtiger als das Ergebnis. Nacht für Nach bug ich Brot und verteilte es von der Taverne aus an die Menschen. Ich hatte die Tische an die Wände geschoben und Stroh ausgelegt. Die Frauen die geblieben waren kamen ohne dass ich sie rief — die Hebamme, eine Krankenschwester, zwei junge Witwen und meine kleine Schwester Elsbeth. Wir teilten die Arbeit ohne viele Worte. Ich kochte. Ich trug Wasser. Ich wusch. Und hielt viele viele Hände. Und ich hörte zu. Immer das. Thomas der Gerber lag im hinteren Zimmer. Er war nun auch krank aber nicht so krank wie andere. Er hatte Fieber, er hustete, aber er hatte auch diese Art von Männern, die sich größer krank fühlen, als sie sind, wenn jemand neben ihnen sitzt. Er rief nach mir. Immer nach mir, nicht nach den anderen Frauen.
Ann. Bring Wasser. Ann. Setz dich. Ann. Bleib. Als wäre ich das sein gutes Recht. Als hätte mein ganzes Leben lang Ja-sagen irgendwo einen Vertrag erzeugt, den ich nicht unterschrieben hatte. Ich brachte. Ich setzte mich. Ich blieb. Draußen in der großen Halle hustete jemand so dass die Wände zitterten. Thomas hatte meine Hand. Sein Griff war fest. Seine Augen sagten: geh nicht. Seine ganze Art frustrierte mich zu tiefst....aber ich blieb trotzdem bei ihm. In jener Nacht starb jemand in der großen Halle allein. Ich weiß bis heute nicht wer. Meine Schwester Elsbeth ist sieben Jahre jünger als ich, mit denselben rotblonden Locken die bei ihr irgendwie ordentlicher saßen...das hatte sie immer besser hingekriegt, auch als Kinder schon, und ich hatte sie dafür mit dieser schwesterlichen Zärtlichkeit beneidet, die eigentlich kein Neid ist. Sie hat schmale Hände und wache Augen, die - so vermute ich es - durch Wände schauen können.
Ihr Ehemann, Gott hab ihn seelig, ein wundervoller liebevoller Mann verstarb im Winter letzten Jahres an einer Lungenentzündung. Seitdem sind Elsbeth und ich wieder enger zusammengerückt. Und auch jetzt ist sie tatkräftig an meiner Seite, denn wenn dieses Dorf Hilfe braucht, so will ich es ihm geben. In den Wochen danach arbeiteten wir zusammen ohne viel zu reden...das konnten wir, das hatten wir als Kinder gelernt, diese schwesterliche Sprache aus Blicken und kleinen Gesten. Manchmal abends wenn alle schliefen saßen wir zusammen am Feuer und sagten nichts und das war genug. Sie war schon immer die Träumerin der Familie, ich war schon immer die Macherin. Sie der Mond, ich die Sonne. Sie die distanziertere, gerissene, ich die mit der Ausstrahlung, der schon ein paar Männer nicht widerstehen konnten. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wo wir den Bäcker bestohlen holen. Ich lenkte ihn mit meinem Charme und meinem Lächeln ab, sie plünderte in der Zeit die süßen Kostbarkeiten.
Ich sah es an einem Morgen im Oktober. Sie ging durch die Taverne, von der Küche zur großen Halle, ein Weg den sie hundert Mal gegangen war — und ihre Hand berührte kurz die Wand. Nicht weil sie müde war. Weil die Welt sich schief angefühlt haben musste und sie sich kurz festhalten musste, ohne dass jemand es sah. Ich sah es. Mein Bauch zog sich zusammen auf eine Art die nichts mit dem Magen zu tun hatte. Ich kannte dieses Greifen. Ich hatte es in diesen Wochen hundert Mal gesehen bei anderen — dieser eine Moment, wo der Körper zugibt was der Mensch noch nicht zugeben will. In diesem Moment hätte ich alles stehen lassen sollen. Die Brühe kochte über. Thomas rief meinen Namen. Eine Frau aus dem Nachbardorf stand in der Tür und wusste nicht wohin. Ich drehte mich um. Das alles musste warten! Ich musste sofort zu Elsbeth. Vier Tage später konnte Elsbeth nicht mehr aufstehen. Ich richtete ihr das kleine Zimmer hinter der Küche her — das wärmste, das ruhigste, das Zimmer das nach Brot roch, weil es an die Küchenwand grenzte. Ich legte frisches Stroh hin. Ich brachte die schwere rote Decke, die wir als Kinder geteilt hatten und deckte sie zu. Sie roch nach dem Haus wo wir aufgewachsen waren. Ich legte sie über sie und sah in Elspaths Gesicht. Sie schaute mich an. Ihre Augen waren noch klar — das war das Schlimmste. Dass sie noch so klar waren. Ihre Lymphknoten hatten riesige Schwellungen. Große Beulen, die sie oft aufschreien ließen vor Schmerz.
"Ann", sagte sie. Ich setzte mich neben sie auf den Boden. Einfach auf den Boden, die Knie angezogen, den Rücken gegen die Wand. Ich nahm ihre Hand. Mir egal, ob ich auch die Beulenpest bekomme. Diese Hand mit den schmalen Fingern und den Sommersprossen auf den Knöcheln, die Hand die immer etwas kühler gewesen war als meine, die Hand die ich als Kind gehalten hatte, wenn sie Angst vor Mr. Galway hatte, wenn er mit mürrischem Blick durch die Straßen ging. "Ann", sagte sie. Ihre Stimme war rauer als sonst, ein Flüstern das mehr Atem war als Klang. "Hör mir zu." "Ich höre zu", sagte ich. Ich hielt ihre Hand fester. "Die Taverne macht dir Freude." Eine Pause. Sie atmete langsam, jeder Atemzug eine kleine Arbeit. "Ich weiß das. Das Brot, die Menschen, das Feuer abends." Ihr Mundwinkel zuckte... nicht ganz ein Lächeln aber nah dran. "Will mit seinem Biergesicht." Ich lachte. Kurz, gegen meinen Willen, durch die Tränen hindurch. "Aber Ann." Ihre Hand drückte meine, "Diese Wochen hier. Was du getan hast. Das war nicht nur eine Taverne." Ich schwieg. "Ich habe dich beobachtet." Sie schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder. "Wie du mit den Sterbenden saßest. Wie du wusstest, was jemand brauchte bevor er es selbst wusste. Was du hier aufgebaut hast. Das ist nicht Brot backen Ann. Das ist etwas anderes. Das ist..." Sie suchte nach dem Wort. "Das ist größer." Ich hielt ihre Hand die ganze Nacht. Irgendwann kurz vor dem Morgen — in dieser Stunde wo es noch nicht hell ist, aber auch nicht mehr dunkel, wo die Welt ihren Atem anhält — wurde ihre Hand schwerer in meiner. Nicht leichter wie ich erwartet hatte. Schwerer. Als würde sie noch einmal ankommen bevor sie ging. Und dann ging sie. Ich saß noch lange so. Den Rücken gegen die Wand, ihre Hand in meiner, das Feuer in der Küche nebenan das knackte und weiterbrannte als würde es nicht wissen was gerade passiert war. Ich dachte an all die Hände, die ich in diesen Wochen gehalten hatte. Fremde Hände. Hände von Menschen die riefen und ich kam, weil ich nicht anders konnte. Und ich dachte an Elsbeth.
Fünf Jahre später "Da kommt unsere Miss. Sunshine." Höre ich jemanden rufen Ich weiß nicht wer angefangen hatte. Die Patienten wahrscheinlich, dann die Schwestern, dann irgendwie alle. Ich mochte ihn nicht. Natürlich mochte ich ihn doch, wenn ich ehrlich bin.
Das Kloster St. Bartholomäus am Rande von Leicester war kein schöner Ort von außen. Schmale Gänge, kleine Fenster, Kälte im Winter die durch die Steine zog. Aber ich hatte angefangen Wildblumen in die Fensterbänke zu stellen — kleine Tonkrüge, Ringelblumen, was auch immer draußen gerade wuchs. Es sah aus wie das Paradies auf Erden. Dreiundfünfzig Betten. Sieben Frauen unter mir. Jeden Morgen derselbe Kräutergeruch, wenn ich durch die Tür trat und irgendwo in den Reihen jemand auf mich wartete der mich noch nicht kannte und es bald tun würde. Dieses Krankenhaus im Kloster leitete ich. Und es ist die schönste Zeit meines Lebens hier. 5 Jahre, in denen ich komplett aufblühte. Und mit mir die anderen Schwestern. Sogar die Patienten. Sogar die alte Philippa, die seit dreißig Jahren hier arbeitete und von der alle sagten, sie sei verbittert lachte oft so laut, dass es durch zwei Gänge hallte.
Ich weiß nicht was ich getan hatte. Aber die Menschen schreiben dieses Glück mir zu. Erst letzte Woche kam Philippa zu mir. Dann sagte sie ohne mich anzuschauen: "Ich habe in dreißig Jahren viele Frauen kommen und gehen sehen in diesem Haus. Gute Frauen. Fleißige Frauen." Sie machte eine Pause. "Aber wenn du hier bist Ann, wächst alles. Die Kranken genesen schneller. Die Schwestern arbeiten leichter. Sogar die Blumen in den Fenstern." Ein kurzes Lachen. "Das ist etwas, das aus dir kommt wenn du glücklich bist. Wenn du genau da bist wo du hingehörst." Und nie zuvor, war ich so glücklich.
Jetzt bist du genau im richtigen Vibe!
Dann lass uns jetzt richtig tief in den Generator eintauchen.
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